Lange überfällig und nun endlich da: EUCREA beginnt mit rund 25 Organisationen in den Bundesländern Niedersachsen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Bremen die erste umfassende Offensive zur künstlerischen Qualifizierung und Ausbildung von Menschen mit Behinderung. Ziel des dreijährigen Programmzeitraums ist, modellhaft Teilhabe von Menschen mit Behinderung an künstlerischen Ausbildungsinstitutionen in den beteiligten Bundesländern zu erproben. Ziel ist, aufzuzeigen, wie künstlerische Bildung für Menschen mit physischen, Sinnes- oder Lernbehinderungen auch außerhalb der Behindertenhilfe in Deutschland dauerhaft zur Verfügung gestellt und Teilhabe erreicht werden kann. Für das Programm konnte EUCREA schon jetzt viele namenhafte Ausbildungsinstitutionen in allen künstlerischen Sparten gewinnen, die mit EUCREA das Interesse verfolgen, ihr Angebot auch den Menschen zur Verfügung zu stellen, die sonst den Weg in eine Kunsthochschule nicht finden würden.

    ARtplus wird zentral von EUCREA koordiniert und veröffentlicht, in den einzelnen Bundesländern wird es von unterschiedlichen Partner:innen gesteuert: U.a. in Nordrhein-Westfalen durch das käthe:k Kunsthaus, das 2020 von der Gold Kraemer Stiftung ins Lebengerufen wurde sowie in Bremen von tanzbar Bremen e.V.. Die Koordinierung der Hamburger Projekte übernimmt EUCREA selbst.

    In dem Modellzeitraum soll innerhalb der beteiligten Bundesländer eine Teilnahme von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen am bestehenden künstlerischen Ausbildungsangebot angestrebt werden. Die an dem Programm beteiligten Ausbildungsinstitutionen werden Personen, die sonst nicht den Weg in eine Kunsthochschule finden würden, die Möglichkeit bieten, an professionellen Ausbildungsangeboten zu partizipieren. Angestrebt wird ein inklusionsspezifischer Wissens- und Erfahrungszuwachs: Die aus dem Projekt resultierenden Erkenntnisse und Ergebnisse sollen zukünftig ermöglichen, künstlerisch talentierte Menschen mit Behinderung am Ausbildungsangebot von künstlerischen Hochschulen teilhaben zu lassen. EUCREA und seine Partner streben mit dem Programm an, Formen zu erproben, die auch Zwischenebenen im künstlerischen Bildungsbetrieb beinhalten können. Anhand von Fallbeispielen wird aufgezeigt, wie Bildung außerhalb der Behindertenhilfe und im Rahmen von Hochschulen für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen möglich werden kann.

    ARTplus wendet sich mit seinem Programm an Personen mit psychischen, physischen, Lern- oder Sinnesbehinderungen. Ihnen soll ermöglicht werden, Bildungsangebote auch außerhalb der Behindertenhilfe vorzufinden, in denen sie ihr künstlerisches Talent ausbilden können mit dem Ziel, verstärkt Anschluss an den öffentlichen Kulturbetrieb zu erreichen. Im Rahmen von ARTplus nehmen sie innerhalb der Ausbildungsinstitutionen an zeitlich begrenzten Projekten, Workshops und mehrsemestrigen Bildungsangeboten teil – in Form einer Gasthörerschaft bis hin zur regulären Immatrikulation und Erzielung eines Abschlusses. Parallel dazu werden Kulturinstitutionen angeregt, den Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Praktika und Hospitationen die Mitwirkung am künstlerischen Betrieb zu ermöglichen und mit EUCREA und seinen Partnern an nachhaltiger Inklusion in den Häusern zu arbeiten.

    Öffentliche Geldgeber:innen aus den Bereichen Kultur, Soziales, Arbeit und Wissenschaft sollen in den Bundesländern angeregt werden, Mittel zur Förderung von Ausbildung und Inklusion im Kulturbetrieb einzusetzen und sich gegenseitig dazu auszutauschen.

    Im Programmverlauf sollen weitere Bundesländer von EUCREA angesprochen werden, am Programm teilzunehmen.

    Ausbildung und Qualifizierung: Warum Jetzt?

    Selbstständige, von der Behindertenhilfe unabhängig agierende Kreative mit Beeinträchtigungen, bilden in der deutschen Kulturlandschaft eher eine Ausnahme. Meistens handelt es sich dabei um Personen mit physischen, selten aber um Menschen mit Sinnes- oder Lernbehinderungen. Auch im Bereich der Kulturvermittlung – von der kulturellen bis zur akademischen Bildung – sind Künstler:innen mit Behinderungen bisher kaum zu finden.

    Ein entscheidender Grund für die parallele Entwicklung von künstlerischen Aktivitäten innerhalb der Behindertenhilfe und im Kulturbetrieb ist, dass Künstler:innen und künstlerisch talentierte Menschen mit Beeinträchtigungen, die sich außerhalb der Behindertenhilfe beruflich qualifizieren wollen, kaum Angebote hierfür finden. Das bestehende Ausbildungsangebot in Deutschland ziehen viele für sich nicht in Betracht, es fehlt an Kenntnissen zu Zugangsvoraussetzungen und Unterstützungsleistungen. So bleibt für diese Gruppe meist nur die Möglichkeit, Künstlerarbeitsplätze innerhalb der Behindertenhilfe zu nutzen oder an Angeboten im Freizeitbereich teilzunehmen. Künstlerische Ausbildungsinstitutionen haben häufig wenig Berührungspunkte mit Interessenten, die eine Beeinträchtigung haben, da es meist gar nicht zu einer Bewerbung kommt.

    Die zunehmende Forderung nach einer Inklusion im Arbeitsleben ist ohne qualifizierte Ausbildung außerhalb der Behindertenhilfe nicht denkbar und führt aktuell zu einer doppelten Benachteiligung des Personenkreises. Finden Ausbildung und Qualifizierung ausschließlich in exkludierenden Strukturen statt, wird der spätere Zugang zu einer beruflichen Tätigkeit zusätzlich erschwert. Die qualitative Verbesserung von Bildungschancen – nicht nur in den Künsten – in der die Zielgruppe ihre Talente adäquat ausbilden kann, ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer inklusiven Gesellschaft.

    artplus - was geplant ist

    In Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen kooperieren EUCREA und seine Partner:innen, u.a. das käthe:k Kunsthaus der Gold Kraemer Stiftung und tanzbar Bremen e.V. mit Ausbildungsinstitutionen (insbesondere Hochschulen) in verschiedensten künstlerischen Sparten. 

    Künstler:innen mit Beeinträchtigung bekommen das Angebot, an den Angeboten der jeweiligen Ausbildungsträger in unterschiedlichster Form zu partizipieren. Dabei kann es sich um eine temporäre Teilnahme an einzelnen Veranstaltungen, projektorientierte künstlerische Kooperationen, Gasthörerschaft oder reguläre Immatrikulationen der einzelnen Teilnehmenden handeln. Alle am Programm beteiligten Akteur:innen streben einen gemeinsamen Wissenszuwachs an. In den beteiligten Bundesländern soll es zu einem engen Informationsaustausch zwischen allen am Prozess einer inklusiven Kunstausbildung beteiligten Akteur:innen kommen: Ob Arbeitsagenturen, Integrationsämter, Hochschulleitungen, Lehrenden oder Einrichtungen der Behindertenhilfe. Ziel ist, am Ende des Programmes konkrete Handlungsinformationen für alle Bundesländer herauszugeben, wie inklusive künstlerische Ausbildung für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen stattfinden kann.

     

    Das Programm wendet sich an

    • Menschen mit psychischen, physischen, Lern- oder Sinnesbehinderungen. Im Bereich der bildenden Kunst wendet sich das Programm  insbesondere an Künstler:innen mit geistigen oder dauerhaften psychischen Beeinträchtigungen sowie Sinnesbehinderungen. Im Bereich der darstellenden Künste sollen auch Personen mit Körperbehinderungen angesprochen werden. Im Bereich Musik sollen sowohl Personen mit körperlichen Einschränkungen, psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen sowie Personen mit Sinnesbeeinträchtigungen erreicht werden. Das Programm spricht Personen an, die bereits innerhalb oder außerhalb der Behindertenhilfe künstlerisch tätig sind, bisher aber nicht an Bildungsangeboten teilgenommen haben.

    • Mitwirkende der beteiligten künstlerischen Ausbildungsinstitutionen wie Hochschulleitung, Lehrende, Ansprechpartner:innen für Studierende mit Beeinträchtigung, Studierende

    • Mitwirkende der kooperierenden Institutionen der Behindertenhilfe, dort tätige Künstler:innen, anleitendes Personal, betriebliche Leitung

    • Mitwirkende der kooperierenden Kulturinstitutionen, das künstlerische Personal, Verantwortliche für Programm und Organisation

    • Mitarbeiter:innen von Behörden in den beteiligten Bundesländern aus den Bereichen Kultur/Bildung/Wissenschaft/ Eingliederungshilfe/Soziales/Arbeit

    • Begleitende Assistent:innen in den beteiligten Bundesländern

    Kennzeichnend für das Programm ist, dass viele unterschiedliche Protagonist:innen, die am Entwicklungsprozess einer inklusiven Gesellschaft beteiligt werden müssen, zusammengebracht werden. EUCREA will mit diesem Vorhaben entscheidende Impulse in Richtung Ausbildung und Qualifizierung von Menschen mit Behinderung außerhalb der Behindertenhilfe setzen, die über den Bereich der „Kunst“ hinauswirken sollen.

    Das Programm bietet als Modellprojekt zunächst einer Auswahl von Künstler:innen mit Behinderung die Möglichkeit, kurz- oder längerfristig den Betrieb einer künstlerischen Ausbildungsinstitution/ Hochschule kennenzulernen und daran teilzunehmen. In diesem Rahmen können sie ihren künstlerischen Horizont sowie ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten erweitern, ihre eigene künstlerische Arbeit in einem neuen Kontext reflektieren und Kommilitonen ohne Behinderung kennenlernen bzw. mit diesen zusammenarbeiten. Durch die parallel laufenden Kooperationen mit Kultureinrichtungen erhalten sie Einblicke in künstlerische Berufsfelder, können ihr eigenes Wissen und ihre Fähigkeiten in diesen erproben und stellen Kontakte her.

    In den beteiligten Ausbildungsinstitutionen findet ein Wissens- und Erfahrungszuwachs hinsichtlich der Ausbildung/Qualifizierung von Teilnehmer:innen mit Beeinträchtigungen statt. Die Einbeziehung von Künstler:innen mit Beeinträchtigung soll Lehrende zur Erweiterung ihrer Methodenvielfalt in der Vermittlung inspirieren. Alternative Methoden bezüglich Einstieg und Erreichung von Leistungsnachweisen werden erprobt, Kooperationsstrukturen mit Institutionen der Behindertenhilfe entwickelt und weitergeführt. Die Ausbildungsinstitutionen sollen Ansprechpersonen für den Kreis der Teilnehmenden herausbilden.

    Auf Seiten der Behindertenhilfe soll ein Wissens- und Erfahrungszuwachs hinsichtlich der Kooperation mit externen Bildungs- und Arbeitspartner:innen aus dem kulturellen Betrieb entstehen. Beispielsweise können Teile der beruflichen Qualifizierung in externe Institutionen außerhalb der Behindertenhilfe ausgelagert und Förderinstrumente innerhalb der Träger zur Finanzierung herangezogen und erprobt werden.

    In den Fachämtern der beteiligten Länder soll analysiert werden, welche Fördermodule für Teilhabe an Qualifizierung für künstlerische Bildungsmaßnahmen genutzt oder möglicherweise flexibilisiert werden können (z.B. Ausbildungs- und Arbeitsförderung durch die Agentur für Arbeit oder Integrationsämter, inklusionsorientierte Förderung durch Kulturämter, begleitende Hilfen durch Eingliederungshilfe, Budget für Ausbildung).

    Ein Hauptaugenmerk des Programms liegt auf seiner multiplikatorischen Wirkung. Ideen, Methoden und Erfahrungen sollen an andere Akteur:innen in der Gesellschaft weitergegeben werden. Neben Fachveranstaltungen und Veröffentlichungen werden am Ende des Programms konkrete Handlungsinformationen an die Länder herausgegeben, die darstellen, wie in dem betreffenden Land inklusive künstlerische Ausbildung für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen stattfinden kann.

     

    ARTplus wird gefördert durch:
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    In Partnerschaft mit:
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